Helmut Westerkamp geboren am 12. Februar 1964 in Osnabrück
Die Verarbeitung von Holz ist meine Leidenschaft seit meinem Kindesalter. Diesen Werkstoff habe ich gelernt zu verarbeiten und, was nach meiner Einschätzung sehr viel wichtiger ist, in vielen Jahren der Bearbeitung verstanden. Seine Wärme, Farben, Strukturen, Düfte, Vielseitigkeiten schätze ich wirklich, seine Eigenwilligkeiten, Widerspenstigkeiten und Überraschungen gilt es nicht zu besiegen, eher zu händeln und zu überlisten. Bei meiner Suche in den Holzblöcken nach Formen der Dreidimensionalität begegnen mir Dinge des täglichen Lebens, Kleidung, Schuhe, Schmuck, Werkzeuge, Genussmittel, etc. sowie Körperformen. So gehe ich den künstlerischen Weg, Gegenständliches und WESENtliches in ungewöhnlichen Situationen als auch in Geschichten des Alltags zu präsentieren. Es kann sich Virtuelles und Reales in unterschiedlicher Gewichtung vermischen. Es warten Gegenstände und Wesen ungeduldig in der langen Warteschlage, fangen an zu schubsen, um sich vorzudrängeln. Dabei muss ich die Grenzen meiner Holzverarbeitung oftmals erweitern, um die komplizierten Formen in Groß und Klein an leblosen wie lebendigen Vorlagen einzufangen, um sie aus der Holzhülle zu befreien.
Seit 27 Jahren fertige ich als selbständiger Tischlermeister in meinem Atelier individuelle Einzelstücke, funktional. Seit 1999 arbeite ich intensiv an der Herstellung von Skulpturen aus Vollholz. Begonnen hat es mit der Herausforderung, Holz handgeführt, dreidimensional zu gestalten, um so Momente, Gedanken und Stimmungen einzufangen, ähnlich einer Fotografie oder bildhaften Darstellung. Mit Teilkörperskulpturen begonnen, fertige ich heute Menschen in Lebensgröße in verschiedenen Situationen - stehend, liegend, sitzend; alles ist Holz: Haut, Haare, Wimpern, Kleidung, Dessous, Schuhe, Stiefel, Schmuck… Als Steigerung werden meine intelligent verleimten Holzrohlinge (ich arbeite niemals direkt aus dem Baumstamm), anders als die menschliche Form es erwarten lässt, zusammengefügt. Somit entstehen im Widerspruch und Einklang mit der Körperform andere Aussagen und Ansätze - betonend oder verschleiernd, dieses liegt im Auge des Betrachters. Meine Skulptur Schachdame Nr. 2 erklärt dieses. Man kann Holz leicht in jede Form bringen: Baumstamm, Säge, Messer, Raspel, Stechbeitel - los geht’s. Ich möchte jedoch künstlerische Gestaltung, technische Fertigung und Knowhow der Holzverarbeitung in Gleichklang bringen. Die Pose der Skulptur richtet sich nicht nach dem Wuchs des Baumes, sondern nach der von mir komponierten Pose des Models. Es folgt eine fast endlose Zeit der Gestaltung, Entwicklung, Fertigung, Erschöpfung, Euphorie, Ungeduld; die mich begleitende Zuversicht führt an den Moment, da geht es nicht weiter, da komme ich nicht weiter, es wird nicht besser, ich bin fertig, sie ist fertig, ich habe sie befreit - sie gehört nun zu dieser Welt.